Tubular Bells
(1973)

Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren in musikalischer Hinsicht in vielerlei Hinsicht besonders. Gruppen wie ELP, Yes und Genesis spielten nicht nur recht komplexe und teilweise sehr intellektuelle Musik, sie waren damit auch noch erfolgreich.

Eine weitere besondere Geschichte in den 70er Jahren ist die Laufbahn Mike Oldfields. Schon in jungen Jahren unter schwierigen familiären Umständen zur Musik gekommen, war er Anfang der 70er Jahre, trotz Mitarbeit in einigen Bands, ein musikalischer Niemand. Und doch machte sich ein 17-jähriger Oldfield daran, eine instrumentale Rocksuite für Gitarre zu komponieren.

Mike Oldfield lieh sich einen Bang & Olufsen Recorder von Kevin Ayers, für den er zuvor in der Band Whole World Bass und E-Gitarre gespielt hatte, und nahm mit einiger Fummelei am Löschkopf des Gerätes alle Instrumente (inklusive eines Staubsaugers) nacheinander auf.

Oldfield, der etwas später für Sessionarbeiten im neuen Tonstudio "The Manor" des Plattenladens Virgin arbeitete, nutze die Gelegenheit, sein Demoband den Leuten dort vorzuspielen. Als Resultat bekam er von den Leuten im "The Manor" verschiedene Adressen von Plattenfirmen. Doch kein einziges Label wollte das obskure Band von Mike Oldfield, auf dem weder Gesang, noch Schlagzeug oder sonstwie gewohntes zu hören war, nehmen. Für die Label war es einfach nicht vorstellbar, so etwas vermarkten zu können.

Ein Jahr später kehrte Oldfield unverrichteter Dinge zurück zu Virgin. Dort wurde das Band schließlich von Tom Newman, dem späteren Coproduzenten des Albums, Richard Branson vorgestellt, dem Besitzer von Virgin, der gerade dabei war, ein eigenes Plattenlabel zu gründen. Branson zeigte sich zuerst ablehnend. Doch Simon Draper, der zusammen mit Branson das Label aufbaute und im Gegensatz zu Branson (der mehr Geschäftsmann war) Ahnung von Musik hatte, war von Oldfields Ideen sehr angetan. Draper gab Oldfield eine Woche Zeit im Tonstudio, um mit professionellen Aufnahmen zu beginnen.

In dieser einen Woche nahm Mike Oldfield beinahe im Alleingang (u.a. lediglich für die Chorgesänge von seiner Schwester Sally unterstützt) die erste Hälfte seines Werkes auf. Danach war das Studio tagsüber von anderen Bands gebucht und Mike Oldfield mußte sich damit begnügen, nur dann weiterarbeiten zu können, wenn niemand sonst im Tonstudio war. Was meist spät abends oder nachts war - und nach reichlich Alkoholgenuß.

Nach etwas mehr als vier Monaten war schließlich auch der zweite Teil fertiggestellt, und einem ungeduldigen Richard Branson wurde das Ergebnis vorgespielt. Und Branson war alles andere als begeistert.
Richard Branson wollte zumindest einen Teil des Albums als Single vermarkten können und monierte, daß im "Caveman"-Teil kein Gesang wäre. Branson wollte Gesang, Mike Oldfield gab ihm Gesang. Nach eigener Aussage genehmigte sich Oldfield eine halbe Flasche Whiskey, ging ins Tonstudio und brüllte sich zehn Minuten die Seele aus dem Leib mit mehr oder minder sinnlosen Wortfetzen.

Da hatte Richard Branson nun ein obskures Album eines Unbekannten und er wußte nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Branson selbst hatte als Titel "Breakfast in Bed" für das Album vorgeschlagen. Doch Mike Oldfield beharrte vehement auf seinen eigenen Namen: "Tubular Bells" - Röhrenglocken. Und konnte sich letztlich damit durchsetzen.

Richard Branson bemühte sich nun selber vergeblich, Mike Oldfields Album anderen Labeln schmackhaft zu machen. Letztlich entschied er sich dafür, mit "Tubular Bells" sein eigenes Plattenlabel Virgin ins Leben zu rufen. So erhielt "Tubular Bells" von Mike Oldfield die Katalognummer "V2001".

Und es geschah das völlig unerwartete. Die fast fünfzigminütige instrumentale Rocksuite eines totalen Unbekannten eroberte die Albumcharts. "Tubular Bells" wurde zur Nummer 1 in Großbritannien, ein kleiner Schnipsel landete - ohne Wissen von Mike Oldfield - im Horrofilm "Der Exorzist" (Oldfield selbst sah den Film erst Ende der 80er Jahre) und er selbst sah sich unvermutet dem Interesse der Öffentlichkeit ausgesetzt.

Nicht nur aufgrund der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte ist "Tubular Bells" gewiß eines der großen Phänomene der 70er Jahre. Bis heute wurde das Album knapp 17 Millionen mal verkauft und ist damit das erfolgreichste instrumentale Rockalbum der Musikgeschichte.

Zur Musik:
Oldfield verbindet Rockelemente, keltisch-folkloristische Einflüsse, eine Prise Klassik und einen gewissen Sinn für bizarren Humor zu einem kunterbunten Mix, der über weite Teile den Zuhörer fesselt. Klavier, akustische Gitarren, stark verzerrte E-Gitarren und Orgeln gehören zu den Zutaten. Pastorale Momente, rockige Einsprengsel und minutenlang ausgebreitete Themen bestimmen das musikalische Feld.

Die einleitenden Takte von "Tubular Bells" gehören sicherlich zu den prägnantesten in der Rockmusik überhaupt, der skurille Humor mit der Ankündigung aller Instrumente durch einen Master of Ceremonies (gespielt von Vivian Stanshall) zum Schluß des ersten Teils, wo auch einmalig die namensgebenden Glocken verwendet werden, ist herrlich schräg geraten.

Interessant an "Tubular Bells" ist, daß es eigentlich keinen roten Faden hat. Oldfield verwebt diverse Themen und Melodien zu einem musikalischen Flickenteppich. Im Gegensatz zu anderen überlangen Stücken bekannter Progbands wie Yes oder Genesis, werden auf "Tubular Bells" einmal gespielte Themen nicht wieder aufgenommen. Und so entsteht manchmal der Eindruck eines musikalischen Sammelsuriums, eines Sammelsuriums, das aber sehr gut funktioniert.

"Tubular Bells" hat aber auch Schwächen. Es läßt sich nicht verleugnen, daß einiges manchmal etwas holprig klingt, etwas unsauber, was natürlich auch auf die Produktionsumstände zurückzuführen ist. Auch hat der zweite Teil einige langweilige Passagen, vor allem der Beginn plätschert minutenlang vor sich hin, ohne daß etwas aufregendes passiert. Und doch hat "Tubular Bells" einen unleugbaren Charme, dem man sich kaum entziehen kann.

Und natürlich gehört es zu den wichtigsten Musikalben der Rockgeschichte. Daß es wahrscheinlich nur in den frühen 70er Jahren möglich war, so etwas aufzunehmen und dann auch noch Erfolg damit zu haben, deutet auch auf die Probleme in der heutigen Musikbranche hin, wo "Stars" zu dutzenden in TV-Castingshows produziert werden, mit einer Halbwertszeit von einem Sommer.

Mike Oldfields Karriere sollte sehr viel mehr als nur einen Sommer andauern. "Tubular Bells" wurde allerdings sein kommerziell erfolgreichstes Album und vielleicht auch der schwerste Mühlstein, den er zu tragen hatte.

Wer zu den wenigen Menschen gehört, die "Tubular Bells" nicht kennen, und sich ernsthaft für Progressive Rock interessiert, kommt an Mike Oldfields einzigartiger instrumentaler Arbeit nicht umhin. Er tat damals etwas wirklich neues, noch nicht dagewesenes. Etwas, was kaum ein anderer Musiker von sich behaupten kann. Denn wenn "Tubular Bells" eines ist, dann unvergleichlich. Kein anderer Künstler machte damals so eine Musik.

Doch wenn auch "Tubular Bells" der Meilenstein in der Karriere von Mike Oldfield ist, so ist es nicht sein bestes Werk. Das sollte erst noch folgen.

13 Punkte